Katze lässt sich nicht streicheln
Sammy war sechs Jahre alt und lebte schon lange bei ihrem Frauerl. Und trotzdem gab es etwas, das zwischen den beiden kaum möglich war: wirkliche körperliche Nähe.
Die dreifärbige Katze ließ sich nur sehr ungern anfassen. Streicheln war meist nur während des Fressens möglich. Besuch bedeutete Rückzug. Fremde Menschen bekamen sie praktisch nie zu Gesicht. Selbst die Tochter ihrer Halterin wurde kurz begrüßt – und schon war Sammy wieder verschwunden.
Dabei war durchaus eine Bindung zu ihrem Frauerl vorhanden. Sammy suchte immer wieder ihre Nähe. Auf den Schoß setzen? Sich ausgiebig streicheln lassen? Nähe genießen? Das kam für sie nicht infrage.
Warum war die Katze so scheu?
Ein Blick auf Sammys Vergangenheit erklärte vieles.
Sammy war erst etwa fünf Wochen alt, als sie auf einem Bauernhof gefunden wurde. Damit war sie viel zu früh von ihrer Mutter getrennt worden. Gleichzeitig fehlten ihr in einer besonders wichtigen Entwicklungsphase ausreichend positive und sichere Erfahrungen mit Menschen.
Danach folgten weitere Veränderungen: zunächst einige Wochen im Tierschutz, anschließend kam sie zur Tochter ihrer späteren Halterin und mit etwa sechs Monaten schließlich zu ihrem jetzigen Frauerl.
Für eine junge Katze, die ohnehin schreckhaft und unsicher war, waren das viele Veränderungen in sehr kurzer Zeit.
Sammy hatte schlicht nie richtig gelernt:
Menschen sind sicher. Nähe kann angenehm sein. Berührung muss nichts Bedrohliches bedeuten.
Auch als erwachsene Katze zeigte sie diese Unsicherheit noch deutlich. Bei plötzlich auftretenden Geräuschen erschrak sie, sie zuckte häufig zusammen oder verkroch sich. Zeitweise wanderte sie unruhig von einem Schlafplatz zum nächsten.
Die Lösung bestand deshalb nicht darin, Sammy häufiger anzufassen oder sie an Nähe „gewöhnen“ zu wollen. Ganz im Gegenteil.
Der wichtigste Schritt: Sammy durfte entscheiden
Bei einer sehr scheuen oder schlecht sozialisierten Katze kann gut gemeinter Kontakt zusätzlichen Druck erzeugen. Deshalb bekam Sammys Frauerl zunächst eine ungewöhnlich klingende Aufgabe:
Sie sollte nichts von Sammy wollen.
Kein Heranlocken zum Streicheln. Kein Hochheben. Kein Festhalten. Kein Nachgreifen, wenn Sammy vorbeikam. Stattdessen sollte sie einfach in Sammys Nähe sein.
Und dafür fanden wir eine Beschäftigung, die wunderbar zu den beiden passte: Sammys Frauerl strickte sehr gerne. Also setzte sie sich regelmäßig auf den Boden und strickte. Sie schaute nicht ständig nach Sammy, lockte sie nicht und erwartete nichts. Sammy konnte beobachten, näher kommen oder wieder gehen.
Der Mensch war einfach da – ruhig, vorhersehbar und ungefährlich.
Nähe entstand zunächst beim Fressen
Auch Sammys Fütterung wurde genutzt, um positive Erfahrungen mit der Nähe ihres Frauerls zu verbinden.
Während Sammy fraß, setzte sich ihre Halterin zunächst in angenehmer Entfernung auf den Boden. Nach und nach konnte diese Distanz ein wenig kleiner werden – immer nur so weit, wie Sammy entspannt bleiben konnte.
Entscheidend war dabei:
Sammy bestimmte das Tempo.
Wenn sie von sich aus Kontakt aufnahm, wurde daraus nicht sofort eine große Streicheleinheit daraus. Die Kontaktaufnahme wurde zunächst einfach angenommen, ohne sie mit Aufmerksamkeit zu überfrachten.
Für eine Katze wie Sammy war genau das wichtig: Sie konnte Nähe ausprobieren und gleichzeitig erleben, dass sie jederzeit wieder gehen durfte.
Dann kam das gemeinsame Spiel
Als Sammy zunehmend entspannter auf die Anwesenheit ihres Frauerls reagierte, kam ein weiterer Baustein dazu: gemeinsames Spielen. Auch hier blieb die Halterin zunächst am Boden sitzen. Zeigte Sammy Interesse oder nahm Kontakt auf, konnte daraus ein kleines gemeinsames Spiel entstehen.
Besonders spannend fand Sammy den Laserpointer und die Spielangel.
Damit bekam die Anwesenheit ihres Menschen noch eine weitere positive Bedeutung: In ihrer Nähe passierten Dinge, die Spaß machten. So entstand Schritt für Schritt etwas, das sich nicht erzwingen lässt:
Vertrauen.
Begleitend kamen Bachblüten zum Einsatz
Zusätzlich wurde Sammy im Rahmen meiner damaligen Beratung mit einer individuell zusammengestellten Bachblütenmischung begleitet.
Für ihre ausgeprägte Distanziertheit und das Bedürfnis nach Abgrenzung wählte ich Water Violet. Mimulus wurde aufgrund ihrer konkreten Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit eingesetzt. Walnut begleitete das Thema Anpassung und die schwierigen Erfahrungen mit den vielen Veränderungen in ihrer frühen Lebensphase. Und natürlich der Seelentröster Star of Bethlehem.
Und dann passierte etwas Wunderschönes
Nach einigen Wochen war Sammy natürlich keine völlig andere Katze. Das musste sie auch nicht sein!
Sie war nach wie vor schreckhaft. Bei unerwarteten Reizen zuckte sie manchmal zusammen. Und auch die Entscheidung, wann sie Kontakt wollte, traf weiterhin Sammy.
Aber etwas Grundlegendes hatte sich verändert:
Sammy suchte jetzt freiwillig körperliche Nähe.
Sie kam nicht mehr nur in die Nähe ihres Frauerls. Sie sprang von sich aus auf ihren Schoß. Dort ließ sie sich streicheln und blieb manchmal sogar einige Minuten entspannt liegen. Schließlich konnte ihr Frauerl bei ihr sogar vorsichtig das Heilströmen entlang der Rückenlinie anwenden – etwas, das bei der früher so berührungsscheuen Katze kaum vorstellbar gewesen wäre.
Nicht, weil Sammy gelernt hatte, Berührung über sich ergehen zu lassen. Sondern weil sie gelernt hatte, dass sie selbst entscheiden durfte.
Astrids Tipps
Gerade bei scheuen, ängstlichen oder schlecht sozialisierten Katzen entsteht Bindung nicht dadurch, dass wir möglichst viel Kontakt herstellen.
Manchmal entsteht sie dadurch, dass wir weniger wollen.
Auf den Boden setzen. Einfach da sein. Gemeinsam spielen. Angenehme Situationen schaffen. Die Körpersprache der Katze beobachten. Abstand respektieren. Und vor allem: die Katze entscheiden lassen, wann sie den nächsten Schritt machen möchte.
Sammy musste nicht lernen, „eine Schmusekatze zu sein“. Sie musste lernen, dass Nähe sicher sein kann. Und ausgerechnet diese kleine dreifärbige Glückskatze, die Menschen so lange lieber auf Abstand hielt, machte ihrem Namen schließlich alle Ehre:
Die Glückskatze war tatsächlich glücklich.
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